Kaum ein Thema verunsichert junge Eltern so sehr wie die Frage, ob sie ihr Baby zu sehr verwöhnen. Besonders beim Tragen, Trösten oder schnellen Reagieren auf Weinen tauchen immer wieder alte Erziehungsmythen auf. Gut gemeinte Ratschläge aus dem Umfeld können dabei zusätzlich Druck erzeugen.
Dieser Artikel beleuchtet, woher diese Vorstellungen stammen, was moderne Wissenschaft heute darüber weiß und warum Bedürfnisbefriedigung in den ersten Lebensmonaten nichts mit Verwöhnen zu tun hat. Statt Schuldgefühle zu erzeugen, soll er Eltern Sicherheit geben und Mut machen, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen.
Kann man Babys verwöhnen? Ein Tabu in der modernen Erziehung?
Falls ihr als Eltern auch immer mal wieder die Sorge habt, dass ihr euer Baby womöglich verwöhnen könntet: Lasst euch nicht verunsichern! Im Gegensatz zu früher vertritt die Wissenschaft heute die Theorie, dass man Babys schlichtweg nicht verwöhnen kann. Um jedoch die Gründe dafür zu verstehen, gilt es zunächst, den Begriff „verwöhnen“ zu klären.
Verwöhnen oder verhätscheln?
Wer von verwöhnen spricht, meint häufig „verhätscheln“. Denn „verwöhnen“ ist grundsätzlich kein negativer Begriff. Im Zusammenhang mit der Fürsorge für den Nachwuchs bedeutet diese Lesart des Verwöhnens, dem Kind mehr zu geben als es braucht.
Und vor allem: Dinge für das Kind zu tun, zu denen es schon lange selber in der Lage ist. Genau an dieser Stelle wird klar, dass man ein ganz kleines Baby tatsächlich noch nicht verwöhnen kann. Man kann ihm niemals mehr Liebe geben als es braucht. Und auch nicht mehr Körperkontakt.
Babys brauchen davon nämlich unendlich viel. Und viele Dinge, die wir ihm abnehmen könnten, obwohl es sie eigentlich schon alleine bewerkstelligen kann, gibt es auch noch nicht.
Omas Erziehung – der Schatten der Johanna Haarer
Meistens kommt die Kritik, dass junge Eltern ihre Kinder zu sehr verwöhnen, aus der älteren Generation: „Du verwöhnst Dein Baby, wenn es die ganze Zeit herumgetragen wird, oder wenn du bei jedem Mucks sofort angerannt kommst.“
Dass das gerade junge und frischgebackene Eltern ziemlich verunsichern kann, ist einleuchtend. Aber woher kommt eigentlich diese ständige Sorge, dass ihr euer Kind verwöhnen könntet?
Generation (Ur-) Großeltern
Als unsere Großeltern Eltern waren, herrschten ganz andere Zeiten. Die höchste Priorität bestand darin, kerngesunde und leistungsfähige, starke Kinder großzuziehen. Im Dritten Reich sollten Kinder abgehärtet und auf das spätere Leben vorbereitet werden.
Wer zu viele Gefühle zeigte (so die weitläufige Meinung), war verweichlicht und verhätschelt. Sowohl Jungs als auch Mädchen sollten nicht weinen und keine Angst zeigen, sondern immer stark sein.
Das Ziel der damaligen Ideologie bestand bekanntermaßen nicht darin, freie, selbstbewusste und unabhängige Persönlichkeiten heranzuziehen, sondern physisch robuste und mental gehorsame Untertanen abzurichten. Eine Auflösung der einzelnen Person zugunsten des „Volkskörpers“. Darum wurde bei der „Erziehung“ auch keine Zeit verloren – sie begann direkt nach der Geburt.
Erziehungsbücher aus der damaligen Zeit
Nachlesen lässt sich diese Haltung in damaligen Erziehungsratgebern, allen voran in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer. Die dort vermittelten Lehren wirkten bis in die 1980er Jahre nach. So wurde empfohlen, Neugeborene in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt möglichst von der Mutter zu trennen und sie bei Weinen keinesfalls hochzunehmen oder zu trösten.
Man ging davon aus, dass Zuwendung das Kind „verziehen“ würde und es stattdessen lernen müsse, sich allein zu beruhigen. Ziel war es, dass das Kind möglichst früh durchschläft. Heute gilt dieses Vorgehen zu Recht als grausam, doch die Eltern jener Zeit handelten im Glauben, dem damaligen Stand der Wissenschaft zu folgen.
Diese Ratgeber wurden politisch unterstützt und prägten ganze Generationen, da alternative Informationen kaum zugänglich waren. Umso schwerer fällt es manchen Angehörigen der Großelterngeneration bis heute, diese Überzeugungen zu hinterfragen – denn dies würde bedeuten, sich einzugestehen, den eigenen Kindern geschadet zu haben.

Warum alte Erziehungsüberzeugungen bis heute verteidigt werden
Dies erklärt, warum manche Vertreter älterer Generationen bis heute starr an ihren Überzeugungen festhalten. Häufig wird argumentiert, heutige Eltern würden ihre Kinder „verhätscheln“, während die härtere Erziehung früherer Zeiten schließlich auch überlebt worden sei.
Zudem wird angeführt, wissenschaftliche Erkenntnisse würden sich ohnehin alle paar Jahre ändern und bald heiße es womöglich wieder, man solle Kinder doch schreien lassen.
Das Argument, die betroffenen Kinder hätten diese Behandlung überlebt, greift jedoch zu kurz. Statistiken zeigen, dass früher deutlich weniger Kinder das Kleinkindalter erreichten als heute. Neben medizinischem Fortschritt haben vor allem neue Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung dazu beigetragen, Risiken zu senken.
Zudem blendet diese Sichtweise mögliche seelische Langzeitfolgen vollständig aus – ebenso die Dunkelziffer jener, die durch lieblosen Umgang schwer traumatisiert wurden und diese Verletzungen unbewusst weitergaben.
Wissenschaftlicher Wandel und warum Nähe trotzdem kein Irrtum ist
Es stimmt, dass Wissenschaft sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Sie lebt vom Diskurs, vom Abwägen von Argumenten und neuen Erkenntnissen. Allerdings waren frühere Erziehungslehren nicht Ergebnis eines freien wissenschaftlichen Austauschs, sondern entstanden unter ideologischen Vorgaben, bei denen abweichende Stimmen kaum Gehör fanden.
Auch heute ist es sinnvoll, Forschung kritisch zu betrachten und sich selbst ein Bild zu machen. Doch bei der grundlegenden Frage, ob ein Neugeborenes Nähe, Trost und Zuwendung braucht oder bewusst ignoriert werden sollte, damit es „lernt“, allein zurechtzukommen, ist die Antwort eindeutig.
Der natürliche Instinkt der Mutter: zum Baby gehen und es hochnehmen
Auch damals dürfte es Müttern schwergefallen sein, ihrem eigenen Drang zu widerstehen und nicht zum weinenden Kind zu laufen. Mütter haben einen natürlichen Instinkt, auf das Schreien ihres Babys zu reagieren, indem sie hingehen und es hochnehmen.
Dies basiert auf einer sehr ursprünglichen Form der Kommunikation zwischen Mutter und Kind. Das Kind weint, um Kontakt herzustellen, daher nennt man es auch „Kontaktweinen“. Der Instinkt des Kindes und der Instinkt der Mutter greifen also perfekt ineinander, um die Versorgung des hilflosen Bündels sicherzustellen.
Wenn das Baby weggelegt wird, versteht es noch nicht, dass seine Eltern ganz in der Nähe sind. Zu Urzeiten bedeutete Verlassenwerden Lebensgefahr für das Kind, weil es allen Gefahren, die da lauerten, schutzlos ausgeliefert war.
Sein Schreien war sein überlebenswichtiges Kommunikationsmittel. Das ist auch der Grund dafür, dass Menschenbabys von Natur aus mit einer kräftigen Stimme ausgestattet wurden.
Kann man Babys verwöhnen? Warum Bedürfnisbefriedigung wichtig ist
Wenn ein Kind schreit, teilt es ein Bedürfnis mit. Gerade in den ersten Lebenswochen sind neben Nahrung vor allem Nähe und Zuwendung entscheidend. Das hat nichts mit Verwöhnen zu tun, sondern mit notwendiger Fürsorge.
Nach der langen, engen Verbindung zur Mutter bedeutet die plötzliche Trennung einen großen Übergang, der sich durch viel Nähe und Liebe sanft abfedern lässt.
Je mehr das Kind die Nähe, die Wärme, den Geruch und den Herzschlag der Mutter wahrnehmen kann, desto besser kommt es durch die ersten Wochen. Aber die Vorteile gehen noch weit über die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung hinaus!
Wenn ihr zuverlässig auf die Hilferufe eures Babys reagiert, entwickelt das Kind ein Urvertrauen in euch, weil es weiß, dass es sich auf euch verlassen kann, dass es wichtig ist und dass es geliebt wird. Dies sind schon wichtige Stützpfeiler für ein gesundes Selbstvertrauen in seinem späteren Leben.
Zudem erlebt es seine Welt als positiv, freundlich und zugewandt, was das Kind später zu einem positiven, freundlichen und zugewandten Menschen werden lassen kann. Und darüber hinaus legt es im Unbewussten die Grundlagen für das Gefühl von Selbstwirksamkeit an. Es lernt, dass seine Handlungen eine Situation zum Positiven verbessern können. So startet es stark, voller Zuversicht und Selbstvertrauen in sein Leben.
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Wenn Verwöhnen zu Verhätscheln wird
In den ersten paar Lebenswochen gilt es, alle Bedürfnisse des Kindes vollständig und bedingungslos zu erfüllen. In dem Alter besitzt es auch noch kein Bewusstsein von Ursache und Wirkung, das heißt, es tut nichts, um gezielt und bewusst etwas zu erreichen.
Dazu bedarf es eines weit höheren Entwicklungsstands, doch der ist irgendwann erreicht. Ab dem Zeitpunkt wird das Kind anfangen, Grenzen auszutesten und euch zu manipulieren. Das klingt boshafter als es ist. Tatsächlich gehört es zum natürlichen Prozess der Selbsterfahrung, der Abgrenzung und der Ich-Werdung.
Jetzt wäre eigentlich die Stunde derjenigen gekommen, die ihr Kind unter keinen Umständen verwöhnen wollen, denn zur Definition des eigenen Selbst, des eigenen und des anderen, des Unterschieds zwischen dein und mein müssen Grenzen gesetzt werden. Ab diesem Zeitpunkt gilt es auch, dem Kind immer mehr zuzutrauen und ihm nichts abzunehmen, was es selbst erledigen könnte.
Interessanterweise gelingt es den Kleinen allzu oft, gerade solche Eltern um ihren kleinen Finger zu wickeln. Da besteht dann tatsächlich akute Verhätschelungsgefahr. Und dann müssen Eltern auch mal konsequent Nein sagen.
Wann dieser Zeitpunkt jedoch eintritt, ist schwer zu beantworten. Normalerweise ist es etwa mit einem Jahr so weit, dass das Baby auch mal verschmerzen kann, wenn seine Bedürfnisse nicht sofort und unmittelbar befriedigt werden: Psychologen allerdings sind der Meinung, dass man ein Baby in den ersten zwei Lebensjahren noch nicht verwöhnen kann.
Spätestens im Kindergarten ist es aber dann ganz sicher so weit. Und gerade dann neigen viele Eltern dazu, den Kindern Dinge wie das Tragen der Tasche, das Anziehen der Jacke oder das Zubinden der Schuhe abzunehmen, die sie genauso gut selber bewerkstelligen könnten und auch sollten.
Ansonsten bauen sie möglicherweise kein Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten auf, werden unselbstständig und verlassen sich darauf, dass andere schon alles für sie erledigen werden, sie werden verwöhnt.

Verwöhnen aus lauter Bequemlichkeit
Doch wie kann es sein, dass so viele Eltern dann doch schwach werden? Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass es häufig einfach der Weg des geringsten Widerstandes ist.
So süß sie auch sind, aber Kinder sind anstrengend, und auch Eltern sind nur Menschen. Im hektischen Berufs- und Familienalltag fehlt dann manchmal schlicht die Kraft, sich auch noch einer nervenaufreibenden Auseinandersetzung mit dem nörgelnden und quengelnden trotzigen Nachwuchs zu stellen und ein Nein konsequent durchzuziehen.
Ein weiterer möglicher Grund ist das schlechte Gewissen. Die Zeit ist knapp, und viele Eltern haben das Gefühl, dem Kind nicht ausreichend Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Doch solche falsch verstandene Milde ist ein Bärendienst am Kind, insbesondere wenn sie eine Entschädigung für Vernachlässigung sein soll.
Auch die Nachwirkungen der Antiautoritäten Erziehung kommen als Grund infrage. Als Reaktion auf die übermäßig strengen Erziehungsideale der Kriegs- und Nachkriegsjahre schwang das Pendel in die andere Richtung, und die Kinder sollten quasi selbstbestimmt ihren eigenen Weg und ihre eigene Persönlichkeit finden.
Nach dieser Philosophie wollten Eltern lieber die Freunde ihrer Kinder sein als Autoritätspersonen. Allerdings wird den Kindern auf diese Art die Chance genommen, sich an euch zu orientieren.
Gerade in der Kindererziehung ist der Weg des geringsten Widerstands in den allermeisten Fällen ein Holzweg. Wenn das Kind lernt, dass es seinen Willen bekommt, wenn es nur lang genug mault, quengelt oder notfalls eine Riesenszene macht, wird das Verhältnis von Eltern und Kindern auf den Kopf gestellt.
Experten sind sich einig: Kinder müssen lernen, auch mal zu verzichten. Und sie müssen lernen, Niederlagen einzustecken und Durchhaltevermögen zu entwickeln. Wer immer bekommt, was er will, kann das nicht.
Fazit: Kann man Babys verwöhnen?
Es ist den ersten Lebensmonaten schlicht nicht möglich, euer Kind zu verwöhnen. In dieser Zeit geht es um reine Bedürfnisbefriedigung, die auch absolut erforderlich ist. Ihr dürft und sollt eurem Baby uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit geben. Dies führt dazu, dass Baby eine wichtige Ur-Erfahrung macht: „Wenn ich ein Wehweh oder Kummer habe, kümmert sich jemand um mich! Ich bin nicht alleine.“
Diese Erkenntnis führt zu Vertrauen zu euch Eltern und letztendlich auch zu Selbstvertrauen. Nur auf diese Weise kann euer Nachwuchs zu einem offenen, freundlichen Menschen heranwachsen und Vertrauen in seine Umgebung und in seine Eltern aufbauen.
Babys sind Traglinge. Ihr dürft also beruhigt sein: Wenn ihr euer Kind häufig tragt und auf sein Weinen zeitnah reagiert, handelt ihr genau richtig. So wie Nahrung den Körper versorgt, geben Nähe, Liebe und Zuwendung dem Kind emotionale Sicherheit. Ein Mangel daran könnte, ebenso wie bei Nahrung, ernsthafte Folgen für die Entwicklung haben.
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Viel Spaß beim Verwöhnen wünscht euch das Team von swing2sleep!














